Einleitung

Namibia, das dünn besiedelte Land im südwestlichen Afrika, ist ein faszinierendes Beispiel für die komplexen Verflechtungen zwischen kolonialer Geschichte und gegenwärtigen neokolonialen Dynamiken. Mit einer Fläche von etwa 824.000 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von nur rund 2,5 Millionen Menschen gehört Namibia zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Die Namib-Wüste, eine der ältesten Wüsten der Erde, prägt das Land ebenso wie die Kalahari im Osten und die fruchtbaren Gebiete im Norden entlang des Kavango- und Kunene-Flusses.

Historischer Hintergrund: Die deutsche Kolonialzeit

Die Geschichte Namibias als Kolonie beginnt 1884, als das Deutsche Reich das Gebiet als „Deutsch-Südwestafrika“ unter seine Kontrolle brachte. Diese Periode war geprägt von brutaler Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, insbesondere der Herero und Nama. Der Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 gilt als einer der ersten Genozide des 20. Jahrhunderts. Unter dem Befehl von General Lothar von Trotha wurden schätzungsweise 65.000 bis 80.000 Herero und etwa 10.000 Nama ermordet oder in die Wüste getrieben, wo sie verdursteten.

Die deutschen Kolonialherren enteigneten systematisch das Land der einheimischen Bevölkerung und etablierten ein System der Rassentrennung, das später als Vorbild für die südafrikanische Apartheid dienen sollte. Diese Landenteignungen haben bis heute massive Auswirkungen auf die Besitzverhältnisse in Namibia.

Südafrikanische Mandatszeit und Apartheid

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Südafrika die Verwaltung des Gebietes als Völkerbundmandat. Anstatt das Land in die Unabhängigkeit zu führen, dehnte Südafrika sein Apartheidsystem auf Namibia aus. Die schwarze Bevölkerung wurde in sogenannte „Homelands“ gezwungen, während das fruchtbare Land und die reichen Bodenschätze unter der Kontrolle der weißen Minderheit blieben. Erst 1990, nach einem langen Befreiungskampf unter Führung der SWAPO (South West Africa People’s Organisation), erlangte Namibia seine Unabhängigkeit.

Neokoloniale Strukturen in der Gegenwart

Hier müsste eigentlich was stehen…

Landbesitz und wirtschaftliche Ungleichheit

Trotz über drei Jahrzehnten Unabhängigkeit sind die wirtschaftlichen Strukturen Namibias weiterhin von kolonialen Mustern geprägt. Etwa 70% des kommerziell nutzbaren Farmlandes befinden sich noch immer im Besitz der weißen Minderheit, die weniger als 6% der Bevölkerung ausmacht. Diese extreme Ungleichheit in den Besitzverhältnissen ist ein direktes Erbe der kolonialen Landenteignungen.

Die namibische Regierung hat verschiedene Landreformprogramme initiiert, doch der Fortschritt ist langsam. Das Prinzip „Willing Seller, Willing Buyer“ (williger Verkäufer, williger Käufer), bei dem der Staat Land nur von verkaufswilligen Farmern zu Marktpreisen erwerben kann, hat sich als ineffektiv erwiesen. Die hohen Landpreise machen einen substantiellen Wandel nahezu unmöglich.

Rohstoffausbeutung und ausländische Konzerne

Namibia ist reich an Bodenschätzen, darunter Uran, Diamanten, Gold, Kupfer und seltene Erden. Doch die Gewinne aus diesem Reichtum fließen größtenteils ins Ausland. Internationale Bergbaukonzerne, vorwiegend aus Europa, China und Südafrika, dominieren den Sektor. Die Rössing-Uranmine, eine der größten der Welt, war lange Zeit im Besitz des britisch-australischen Konzerns Rio Tinto und gehört nun mehrheitlich einem chinesischen Staatsunternehmen.

Diese Konstellation entspricht dem klassischen Muster neokolonialer Ausbeutung: Die Rohstoffe werden extrahiert und exportiert, während die Wertschöpfung im Ausland stattfindet. Namibia exportiert Rohdiamanten und importiert geschliffene Diamanten zu einem Vielfachen des Preises. Die lokale Bevölkerung profitiert kaum von dem immensen Reichtum unter ihren Füßen.

### Internationale Handelsbeziehungen und wirtschaftliche Abhängigkeit

Die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPAs) zwischen der Europäischen Union und afrikanischen Staaten werden von Kritikern als Instrumente neokolonialer Kontrolle betrachtet. Diese Abkommen zwingen afrikanische Länder wie Namibia zur Öffnung ihrer Märkte für europäische Produkte, während der Zugang zum europäischen Markt für afrikanische Waren weiterhin durch Subventionen und nicht-tarifäre Handelshemmnisse erschwert wird.

Die namibische Fleischindustrie ist ein Beispiel für diese asymmetrischen Beziehungen. Während Namibia eines der wenigen afrikanischen Länder ist, das Rindfleisch in die EU exportieren darf, unterliegt es strengen Quoten und muss mit hochsubventioniertem europäischem Fleisch auf dem eigenen Markt konkurrieren.

### Bildung und kulturelle Dominanz

Das Bildungssystem Namibias ist weiterhin stark vom westlichen Modell geprägt. Englisch, die Amtssprache, ist für die Mehrheit der Bevölkerung eine Fremdsprache. Die Curricula orientieren sich oft an westlichen Standards und Inhalten, während indigenes Wissen und lokale Sprachen marginalisiert werden. Diese kulturelle Dominanz ist eine subtile, aber wirksame Form neokolonialer Einflussnahme.

Die Eliten des Landes werden häufig an westlichen Universitäten ausgebildet und kehren mit Perspektiven zurück, die nicht immer den lokalen Realitäten entsprechen. Dieser „Brain Drain“ und die kulturelle Entfremdung schwächen die Kapazitäten für eine eigenständige Entwicklung.

### Die Frage der Reparationen

Ein zentrales Thema in den deutsch-namibischen Beziehungen ist die Frage der Reparationen für den Völkermord an den Herero und Nama. Nach jahrelangen Verhandlungen erkannte Deutschland 2021 den Genozid offiziell an und sagte Zahlungen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre zu. Doch Vertreter der Herero und Nama kritisieren, dass sie nicht angemessen in die Verhandlungen einbezogen wurden und die Summe angesichts des erlittenen Unrechts viel zu gering sei.

Diese Debatte offenbart die Schwierigkeiten, koloniales Unrecht aufzuarbeiten, während neokoloniale Strukturen fortbestehen. Kritiker argumentieren, dass finanzielle Zahlungen ohne grundlegende Veränderungen der wirtschaftlichen Beziehungen und ohne echte Machtteilung lediglich symbolischen Charakter haben.

## Herausforderungen und Perspektiven

Namibia steht vor enormen Herausforderungen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 33%, die Jugendarbeitslosigkeit noch deutlich höher. Die COVID-19-Pandemie hat die wirtschaftlichen Probleme verschärft. Der Klimawandel bedroht die Landwirtschaft und die Wasserversorgung in einem ohnehin ariden Land.

Gleichzeitig gibt es Hoffnungszeichen. Namibia hat eine stabile Demokratie, eine freie Presse und eine aktive Zivilgesellschaft. Das Land investiert in erneuerbare Energien und könnte mit seinem enormen Potenzial für Solarenergie und grünen Wasserstoff eine wichtige Rolle in der globalen Energiewende spielen. Die Frage bleibt, ob es gelingt, diese Ressourcen zum Wohle der eigenen Bevölkerung zu nutzen oder ob sich alte Muster der Ausbeutung wiederholen.

## Fazit

Namibia illustriert eindrücklich, wie koloniale Strukturen weit über die formale Unabhängigkeit hinaus wirken. Die extreme Ungleichheit in Landbesitz und Vermögen, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten, die Dominanz ausländischer Konzerne und die kulturelle Hegemonie westlicher Bildungs- und Wertesysteme sind Manifestationen neokolonialer Verhältnisse.

Die Überwindung dieser Strukturen erfordert nicht nur nationale Anstrengungen, sondern auch eine grundlegende Neugestaltung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Solange die globale Arbeitsteilung afrikanische Länder auf die Rolle von Rohstofflieferanten reduziert und die Spielregeln des Welthandels von den ehemaligen Kolonialmächten bestimmt werden, bleibt echte Dekolonisierung eine unvollendete Aufgabe.

Die Geschichte Namibias mahnt, dass politische Unabhängigkeit allein nicht ausreicht. Wahre Selbstbestimmung erfordert wirtschaftliche Souveränität, kulturelle Emanzipation und die Bereitschaft der ehemaligen Kolonialmächte, historische Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in Worten, sondern in der Transformation jener Strukturen, die koloniale Ausbeutung bis heute perpetuieren.

*Dieser Text dient als Beispielbericht und erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit.*