Ein Leben in der Kaokoveld-Wüste

Im nordwestlichen Namibia, in einer der unwirtlichsten Regionen Afrikas, lebt eines der letzten halbnomadischen Völker des Kontinents: die Himba. Mit ihrer markanten roten Hautfarbe, die von einer Mischung aus Butterfett und Ockerpulver stammt, und ihrer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit gegen die Einflüsse der modernen Welt haben sie sich einen besonderen Platz in der kulturellen Landschaft Namibias bewahrt.

Die Himba, deren Bevölkerung auf etwa 50.000 Menschen geschätzt wird, sind eng mit den Herero verwandt, von denen sie sich vor mehreren Jahrhunderten abspalteten. Während die Herero unter deutschem Kolonialeinfluss westliche Kleidung übernahmen – die Frauen tragen bis heute viktorianische Kleider als Zeichen ihrer Geschichte – haben die Himba ihre traditionelle Lebensweise weitgehend beibehalten.

Otjize: Die rote Schönheitspaste

Das auffälligste Merkmal der Himba-Frauen ist ihre rotglänzende Haut. Diese Färbung stammt von Otjize, einer Paste aus Butterfett und gemahlenem Ockererz, die täglich auf Haut und Haare aufgetragen wird. Was für Außenstehende zunächst wie ein rein ästhetisches Ritual erscheint, erfüllt mehrere praktische Funktionen: Die Paste schützt vor der intensiven Sonneneinstrahlung, wehrt Insekten ab und hält die Haut in dem extrem trockenen Klima geschmeidig.

Die aufwendigen Frisuren der Himba-Frauen sind nicht nur Schmuck, sondern auch Statusanzeiger. Die Anzahl und Form der Zöpfe verraten, ob eine Frau verheiratet ist, Kinder hat oder in der Pubertät steht. Junge Mädchen tragen zwei nach vorne fallende Zöpfe, während verheiratete Frauen eine Krone aus Ziegenleder, die Erembe, über ihrer kunstvollen Frisur tragen.

Viehzucht als Lebensgrundlage

Die Himba sind Viehzüchter, deren Wohlstand sich traditionell in der Größe ihrer Rinderherden misst. Die Tiere liefern nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch das Leder für Kleidung und Schmuck sowie das Fett für die Otjize-Paste. Das Heilige Feuer, das im Zentrum jedes Himba-Dorfes brennt, symbolisiert die Verbindung zu den Ahnen und darf niemals erlöschen.

Die halbnomadische Lebensweise der Himba folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten. In der Trockenzeit wandern die Männer mit den Rindern auf der Suche nach Weidegründen und Wasser, manchmal mehrere Wochen lang, während die Frauen und Kinder in den festen Siedlungen bleiben und sich um Ziegen und den Haushalt kümmern.

Herausforderungen der Moderne

Die Himba stehen heute vor einem Dilemma, das viele indigene Völker weltweit kennen: Wie lässt sich die eigene Kultur bewahren, während gleichzeitig die Vorteile der modernen Welt – Bildung, medizinische Versorgung, wirtschaftliche Möglichkeiten – zugänglich werden?

Der Tourismus bringt Geld in die Region, aber auch Spannungen. Manche Himba-Dörfer haben sich für Besucher geöffnet und verdienen an Führungen und dem Verkauf von Kunsthandwerk. Kritiker sprechen von „Menschenzoos“ und kultureller Ausbeutung, während Befürworter argumentieren, dass der Tourismus den Himba eine Einkommensquelle bietet und das Interesse an ihrer Kultur deren Erhalt fördert.

Die namibische Regierung plant seit Jahren den Bau des Orokawe-Staudamms am Kunene-Fluss, der große Teile des traditionellen Himba-Landes überfluten würde. Der Widerstand der Himba gegen dieses Projekt hat internationale Aufmerksamkeit erregt und wirft grundlegende Fragen über Entwicklung, Landrechte und den Schutz indigener Lebensweisen auf.

Zwischen zwei Welten

Die junge Generation der Himba bewegt sich zunehmend zwischen zwei Welten. Manche besuchen Schulen in den Städten, tauschen dort Otjize gegen Jeans und T-Shirts, und kehren in den Ferien in ihre Dörfer zurück, um die traditionellen Rituale mitzuerleben. Mobiltelefone haben selbst in entlegene Himba-Siedlungen Einzug gehalten – ein surrealer Anblick, wenn eine mit Otjize bedeckte Frau zum Smartphone greift.

Doch viele Himba sind entschlossen, ihre Identität zu bewahren. Sie sehen keinen Widerspruch darin, moderne Technologie zu nutzen und gleichzeitig an ihren Traditionen festzuhalten. Die Otjize-Paste, die kunstvollen Frisuren, die Viehzucht und das Heilige Feuer bleiben zentrale Elemente ihrer Identität – nicht als museale Relikte, sondern als lebendige Praxis.

## Die Sprache als kultureller Schatz

Otjihimba, die Sprache der Himba, gehört zur Bantu-Sprachfamilie und ist eng mit Otjiherero verwandt. Wie viele indigene Sprachen ist sie vor allem eine mündliche Tradition. Geschichten, Wissen und Geschichte werden von Generation zu Generation weitergegeben, nicht in Büchern, sondern in Erzählungen am Feuer.

Linguisten haben interessante Besonderheiten im Otjihimba entdeckt. Die Sprache kategorisiert Farben anders als europäische Sprachen – was Europäer als verschiedene Blau- und Grüntöne sehen, wird im Otjihimba oft als eine Farbe wahrgenommen, während feine Unterschiede zwischen Braun- und Rottönen, die für die Otjize-Herstellung wichtig sind, präzise unterschieden werden. Diese Beobachtung hat wichtige Beiträge zur Debatte über den Zusammenhang zwischen Sprache und Wahrnehmung geliefert.

## Ein Besuch bei den Himba

Wer die Himba besuchen möchte, sollte dies respektvoll und informiert tun. Organisierte Touren von seriösen Anbietern stellen sicher, dass die Gemeinschaften fair entlohnt werden und Besucher sich angemessen verhalten. Das Fotografieren ist in manchen Dörfern gegen eine Gebühr erlaubt, aber man sollte immer fragen, bevor man die Kamera zückt.

Die beste Reisezeit für das Kaokoveld ist die Trockenzeit von Mai bis Oktober, wenn die Straßen passierbar sind und die Temperaturen erträglich. Ein Allradfahrzeug ist unerlässlich, und Selbstfahrer sollten Erfahrung mit schwierigem Gelände mitbringen.

## Fazit

Die Himba Namibias bieten einen faszinierenden Einblick in eine Lebensweise, die in der modernen Welt selten geworden ist. Ihre Kultur ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine lebendige Tradition, die sich anpasst und verändert, ohne ihre Essenz zu verlieren. In einer globalisierten Welt, in der Kulturen zunehmend homogenisiert werden, sind die Himba ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass es möglich ist, die eigene Identität zu bewahren – wenn auch nicht ohne Herausforderungen und Kompromisse.

Die Zukunft der Himba wird davon abhängen, ob es gelingt, einen Weg zu finden, der wirtschaftliche Entwicklung mit kulturellem Erhalt verbindet, der jungen Menschen Perspektiven bietet, ohne sie zu entwurzeln, und der die Rechte einer kleinen Gemeinschaft gegen die Interessen von Regierungen und Konzernen schützt.

*Dieser Text ist ein Beispielbericht über die Himba-Kultur in Namibia.*